Gedanken über die Demokratie in Amerika und bei uns
- 31. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Juli 2026
Aus Anlass der 250jährigen Wiederkehr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 2026 wollte ich ein Buch über US-amerikanische Geschichte lesen, das grundlegender ist und über die aktuellen Themen und Veröffentlichungen hinausgeht. Ich fand es in der schönen Manesse-Ausgabe der „Bibliothek der Weltgeschichte“ mit Alexis des Tocquevilles Klassiker „Über die Demokratie in Amerika“, nach einer zweijährigen Forschungsreise in die USA 1831/32 in seinem Heimatland Frankreich verfasst. Jedoch enthält dieses Buch nicht nur Kenntnisse über die Prinzipien der amerikanischen Republik und das Funktionieren ihrer Gesellschaft, sondern Leitsätze, denen ich aus Überzeugung mein Leben lang in meinen politischen Ansichten folge und hier im fast 200 Jahre alten Original wiedergeben möchte. Klarer können zudem die Wurzeln der Probleme im Deutschland des Jahres 2026 und seiner Demokratiekrise kaum beschrieben werden.
Richten wir unseren Blick auf Amerika nicht, um die Einrichtungen, die es für sich schuf, sklavisch nachzuahmen, sondern um diejenigen besser zu verstehen, die uns gemäß sind. Nicht so sehr, um Vorbilder als um Einsichten zu gewinnen und um eher die Grundsätze als die Einzelheiten seiner Gesetze zu übernehmen. Die Gesetze der Französischen Republik können und müssen in vielen Fällen andere sein als die der Vereinigten Staaten. Aber die Grundsätze, auf denen die amerikanischen Verfassungen fußen, die Grundsätze der Ordnung, der Mäßigung der Gewalten, der wahren Freiheit, der aufrichtigen und tiefen Achtung vor dem Recht, sind allen Republiken unentbehrlich. Sie gelten für alle, und man kann von vornherein sagen, daß da, wo sie fehlen, die Republik bald verschwunden sein wird. (7)
Die Gemeinden sind dem Staat in der Regel nur dann unterstellt, wenn es sich um ein Interesse handelt, das ich als sozial bezeichne, d. h., das sie mit anderen teilen. In allem, was nur die Gemeinden betrifft, bleiben diese unabhängige Körper und es gibt, wie ich glaube, unter den Einwohnern Neuenglands keinen, der dem Staat das Recht zugestände, sich in reine Gemeindeangelegenheiten einzumischen. (97/98)
in Europa kommt es vor, daß die Regierenden selber den Mangel an Gemeindegeist bedauern, denn alle stimmen darin überein, daß der Gemeindegeist eine wichtige Stufe der Ordnung und der öffentlichen Ruhe bildet, aber sie wissen nicht, wie man ihn hervorbringt. Sie fürchten die Aufteilung der gesellschaftlichen Macht und für den Staat die Gefahren der Anarchie, wenn sie die Gemeinde stark und unabhängig werden lassen. Wo aber der Gemeinde die Stärke und die Unabhängigkeit entzogen wird, kann es immer nur Verwaltete, nie aber Bürger geben. (100)
Aber ich glaube, daß eine zentralisierte Verwaltung zu nichts anderem taugt als die ihr unterworfenen Völker zu schwächen, denn sie vermindert in ihnen ohne Unterlaß den Bürgergeist. (127)
Der Zentralisierung gelingt es mühelos, die laufenden Geschäfte in geregeltem Gang zu halten; die soziale Polizeiaufsicht in allen Einzelheiten zu lenken; die leichten Unregelmäßigkeiten und kleinen Vergehen zu ahnden; die Gesellschaft in einem Status quo zu erhalten, der eigentlich weder Niedergang noch Fortschritt ist; den sozialen Körper in einer Weise von Verwaltungsschlummer zu belassen, den die Verwalter gute Ordnung und öffentliche Ruhe zu nennen pflegen. Mit einem Wort, sie zeichnet sich durch Verhindern, nicht durch Tun aus. Geht es darum, die Gesellschaft kräftig aufzurütteln oder sie rasch in Bewegung zu bringen, so versagt ihre Kraft. Sobald sie in ihren Maßnahmen auf die Mitwirkung des Einzelnen angewiesen ist, bemerkt man ganz erstaunt die Schwäche dieser gewaltigen Maschine; sie findet sich plötzlich ihrer Kraft beraubt.
Es kommt dann bisweilen vor, daß die zentralisierte Verwaltung in ihrer Not die Bürger zu Hilfe ruft; doch sie erklärt ihnen: ihr handelt, wie ich will, soviel ich will und genau in dem Sinne, den ich will. Ihr befaßt euch mit dem einzelnen, ohne nach der Führung des Ganzen zu streben; ihr arbeitet im Dunkeln und ihr werdet meine Werke später nach den Früchten beurteilen. Unter solchen Bedingungen lässt sich die Mitarbeit des menschlichen Wollens nicht erlangen. Es braucht für sein Streben Freiheit, für seine Taten Verantwortung. Der Mensch ist so geartet, daß er lieber keinen Finger rührt, als in Abhängigkeit einem Ziel zuzuschreiten, das er nicht kennt. (132)
Es gibt europäische Nationen, in denen der Bewohner sich als eine Art von Leibeigenem vorkommt, dem die Geschicke seines Wohnortes gleichgültig sind. Die größten Wandlungen in seinem Lande erfolgen ohne seine Mitwirkung; er weiß nicht einmal genau, was vor sich gegangen ist; ihm schwant etwas davon; er hat vom Ereignis zufällig gehört. Und mehr noch das Los seines Dorfes, die Ordnung in seiner Straße, das Geschick seiner Kirche und seiner Pfarrei berühren ihn nicht; er denkt, daß alle diese Dinge ihn in keiner Weise angehen und daß sie einem mächtigen Fremden, Regierung geheißen, gehören. Er lebt von seinem Besitz wie ein Nutznießer, ohne Besitzsinnn und ohne an irgendwelche Verbesserungen zu denken. Diese Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber geht so weit, daß er, wenn schließlich seine eigene Sicherheit oder die seiner Kinder auf dem Spiele steht, die Arme verschränkt, statt die Gefahr zu beseitigen, und darauf wartet, daß die ganze Nation ihm zu Hilfe eile. Obwohl dieser Mann seinen freien Willen so vollständig aufgegeben hat, liegt ihm das Gehorchen nicht mehr als jedem anderen. Er unterwirft sich freilich dem Gutdünken eines Schreibers. Aber sobald die macht sich zurückzieht, gefällt er sich darin, dem Gesetz zu trotzen, wie ein besiegter Feind. Man sieht ihn denn auch unaufhörlich zwischen Knechtschaft und Zügellosigkeit hin- und herpendeln.
Sind die Völker an diesem Punkt angelangt, so müssen sie entweder ihre Gesetze und ihre Sitten ändern oder untergehen; denn es ist, als versiege der Quell der bürgerlichen Tugenden: man findet noch Untertanen, man sieht aber keine Bürger mehr. (134/135)
Der Europäer sieht im öffentlichen Beamten häufig nur die Macht; der Amerikaner erblickt in ihm das Recht. So kann man sagen, daß in Amerika der Mensch nie dem Menschen, sondern der Gerechtigkeit oder dem Gesetz gehorcht. (137)
